Empirische Forschung
Zur Nutzung des Computers im Kunstunterricht

Michael Schacht / Georg Peez

 

Innerhalb des Bund-Länderprogramms "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" (http://www.kubim.de) wird das Modellprojekt "MUSE COMPUTER - MUltiSEnsueller Kunstunterricht unter Einbeziehung der COMPUTERtechnologie" (http://www.muse-computer.de) anteilig vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Hessischen Kultusministerium gefördert. Diesem BLK-Programm "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" liegt eine Expertise von Karl-Josef Pazzini zugrunde (Pazzini 1999; http://www.blk-bonn.de oder http://www.kubim.de/down/heft77.pdf). Der Modellprojektleiter Hans-Jürgen Boysen-Stern, Hessisches Landesinstitut für Pädagogik, Frankfurt a. M., beabsichtigt, mit Kolleginnen und Kollegen an sechs südhessischen Schulen adäquate Räume und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, in denen die digitalen Medien innerhalb des Kunstunterrichts positioniert und genutzt werden können. Wie solche Räume und hierin stattfindender Kunstunterricht in den Sekundarstufen I und II aussehen, wird in diesem dreijährigen Modellversuch (2000-2003) erkundet. Im Projekt wird etwa das Setting eines "kunstpraktischen Werkraums im digitalen Zeitalter" erprobt, in dem Computerterminals Arbeitsplätzen für materialbezogenes bildnerisches Gestalten zugeordnet sind.

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Modellprojekts wurde uns vom Hessischen Kultusministerium übertragen (http://www.muse-forschung.de). Mithilfe qualitativ-empirischer Forschungsverfahren soll in dieser Längsschnittstudie folgende Kernfrage beantwortet werden: "Wie lassen sich der Computer und seine Peripheriegeräte innerhalb schulischen Kunstunterrichts in eher multisensuell ausgelegte bildnerische Gestaltungsprozesse 'zwischen Realität und Digitalität' integrieren?"

Diese Themen Multisensualität und Prozesshaftigkeit werden in vier projektspezifischen Forschungsfeldern untersucht; und zwar in den Bereichen

- Kreativitätsförderung,

- Werkstattorientierung,

- Genderspezifika und

- Schnittstellen.

Wir möchten im Folgenden das Forschungsdesign der evaluativen wissenschaftlichen Begleitung unter forschungsmethodischen Gesichtspunkten kurz vorstellen. Dies geschieht exemplarisch im Blick auf einen der vier Forschungsbereiche, die Kreativitätsförderung.

Angesichts einer sich verschärfenden Debatte um die grundsätzliche Relevanz des Schulfaches Bildende Kunst sollte neben Legitimationen und innovativen Curricula (Zülch 2001) die empirische Erforschung der Wirkung didaktischer Konzeptionen auf ästhetische Lernprozesse in der Praxis forciert und im Fach stärker als bisher beachtet werden. Wissenschaftliche Begleitung, wie im hier geschilderten Modellprojekt, ist Evaluationsforschung im Dialog mit den direkt Beteiligten. Auf diese Weise gewinnt die Kunstpädagogik auch in der Hochschullehre wissenschaftliche, stärker auf Empirie ausgerichtete Konturen.

 

Qualitativ evaluative Untersuchungsverfahren für die Begleitforschung

Angesichts der Komplexität der zu untersuchenden Felder innerhalb des Projekts ermöglichen qualitative empirische Forschungsverfahren - im Gegensatz zu quantitativen, statistischen Methoden - substanzielle Antworten auf Fragen, die eine wissenschaftliche Begleitforschung zu beantworten hat. Gemeinsam ist allen qualitativen Forschungsverfahren die Arbeit am Fall. Anhand der intensiven Interpretation von Einzelfällen wird deren Beispielhaftigkeit für eine größere Anzahl von Fällen herausgearbeitet. Das Ziel qualitativer Forschung ist die Exemplarik durch Interpretation. Hierbei handelt es sich nicht um alltägliches oder intuitives Verstehen, sondern um wissenschaftlich regelgeleitete, in Einzelschritte untergliederte Rekonstruktionsprozesse von Sinnstrukturen, innerhalb derer sich zugleich die Beispielhaftigkeit eines Falls bzw. einiger weniger Fälle herausschält (Lamnek 1988; Flick 1995; Bohnsack 1999).

Verstehensprozesse, die sich im Schulalltag der am Projekt beteiligten Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihrer Vertrautheit mit dem Umfeld sowie aufgrund von Handlungsroutinen und auch zeitlichem Handlungsdruck quasi abgekürzt vollziehen müssen, werden in der wissenschaftlich begleitenden Evaluation explizit entfaltet und ausführlich dargestellt. Bei dieser Herangehensweise kann es zu unterschiedlichen Deutungen im Verstehen der Projektbeteiligten und dem der Forschenden kommen. Diese Differenzen sind in regelmäßigen Rückkopplungen mit den Beteiligten produktiv zu nutzen, so dass sie dem Projekt insgesamt zugute kommen.

Ein weiteres Merkmal von Evaluationen ist, dass sie auf längere Zeit hin angelegt sind, um Wirkungen zu erforschen. Im Falle des Modellprojektes "MUSE COMPUTER" geht es um die Auswirkungen von kunstpädagogischem Handeln innerhalb des Projektzeitraumes von drei Jahren. Nicht das abstrakte Ideal einer objektiven und einmaligen Bewertung durch beurteilende Außenstehende bestimmt die begleitende Evaluation, sondern das "Bemühen um ein tieferes Verständnis der komplexeren Qualitäten eines Programms. Deshalb wird heute vielfach auch von Evaluationsforschung gesprochen, um die Distanz zu einem primär entscheidungsorientierten Evaluationsbegriff deutlich zu machen." (Wesseler 1994, S. 672) Evaluationsforschung mit diesen Intentionen kommt immer stärker davon ab, einem einfachen "Vorher-Nachher-Design" (Mayring 3 1996, S. 46) zu folgen.

Idealtypisch gliedert sich der eigentliche Prozess, der Praxisveränderungen wissenschaftlich begleiten und auf ihre Wirkungen hin untersuchen will, in folgende Phasen (vgl. Schaubild des Forschungsplans):

- Evaluationsfragen und -kriterien klären

- Sammlung bzw. Erhebung des Forschungsmaterials

- Aufbereitung des Forschungsmaterials

- Analyse und Interpretation

- Darstellung der Forschungsergebnisse

- (Anschluss-) Aktionen und Handlungen (Maritzen 1996, S. 27).

Innerhalb der Rückkopplungsprozesse zwischen Projektbeteiligten und Forschenden wiederholen sich diese Phasen in "Schleifen". Evaluative Prozesse werden einmal pro Jahr, d. h. drei Mal innerhalb des Projektverlaufs, durchschritten. Erkenntnisse aus früheren Prozessen fließen dabei ein.

 

Exemplarische Darstellung der Forschungskonzeption zum Bereich "Kreativitätsförderung"

Zu jedem der vier Forschungsbereiche wurde eine Forschungsfrage formuliert, anhand derer das weitere Vorgehen, etwa zur Konzeption der Erhebungs- und Auswertungsmethoden geplant wurde. Die Forschungsfrage zum Bereich Kreativitätsförderung lautet:

"Lassen sich Situationen zur 'Erhöhung der Wahrscheinlichkeit kreativen Verhaltens' (Pazzini 1999, S. 19) in multisensuell ausgelegten bildnerischen Gestaltungsprozessen beobachten? Und wenn ja, welche Merkmale zeichnen diese Situationen einer kreativ-kunstnahen Verbindung zwischen digitalen und analogen Medien innerhalb offener Lehr-/ Lernansätze aus? Sind in MuSe-Arrangements Merkmale eines kreativen Prozesses, z. B. 'Flow'-Erfahrungen (selbstvergessenes kreatives Schaffen) feststellbar?"

Der Schwerpunkt dieses Fragenkomplexes liegt auf der Erforschung des kreativen Prozesses während bildnerisch-ästhetischer Praxis innerhalb des Modellprojektes. Um überhaupt kreative Prozesse bzw. Aspekte dieser Prozesse im Kunstunterricht erkennen zu können, sind zunächst Merkmale kreativer Prozesse zu ermitteln. Diese Merkmale gelten in der Auswertungsphase als Indizien - metaphorisch gesprochen als "Suchmaske" - für beobachtete Prozesse.

Anzumerken ist, dass die Bezeichnung Kreativitätsförderung und hiermit verbundene Theorieaspekte zur Kreativität in der dem Bund-Länderprogramm "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" zugrunde liegenden Expertise von Karl-Josef Pazzini vorgegeben sind. Hierauf bezieht sich das Modellprojekt "MUSE COMPUTER" direkt. Kreativität steht für die Fähigkeit des Menschen, Denkergebnisse beliebiger Art hervorzubringen, die im Wesentlichen neu sind und demjenigen, der sie hervorgebracht hat, vorher unbekannt waren (Seitz 1998, S. 24). Noch zu Beginn des Jahrhunderts war Kreativität eng mit dem Geniebegriff verbunden und galt als nur wenigen außergewöhnlichen Menschen vorbehalten. Heute dient der Begriff der Kreativität nicht allein zur Kennzeichnung herausragender schöpferischer Leistungen, sondern wird auch auf alltägliche Problemlösungsprozesse angewandt. Verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchten im 20. Jahrhundert, die Phasen kreativer Prozesse zu erforschen (Preiser 2 1986, S. 42ff.). Trotz unterschiedlicher Phasenanzahl und -benennung zeigt sich eine weitgehende Übereinstimmung:

Nach einer vorangegangenen Person-Umwelt-Interaktion steht an vorderster Stelle des kreativen Prozesses (1) die Problemwahrnehmung und -analyse. Wurde das Problem erkannt und eingegrenzt, folgt eine (2) umfangreiche Informationssammlung. Wer neue Lösungsansätze finden will, sollte mit diesen Informationen spielerisch und assoziativ umgehen. (3) In der Inkubationsphase werden unterschiedliche Kombinationen teils bewusst, teils unbewusst durchgespielt. Eine entspannte Atmosphäre unterstützt Inkubationsprozesse. (4) Die folgende Illumination, oft auch als ,Aha-Erlebnis' beschrieben, beinhaltet die Lösungsfindung. Inkubation und Illumination sind von stark subjektiven Erlebnissen gekennzeichnet. (5) Die gefundene Lösung muss schließlich auf ihre Brauchbarkeit geprüft werden, was zu einer Modifizierung der Idee führen kann. In einer nach-kreativen Phase ist die Lösung mit der Umwelt zu konfrontieren sowie deren Realisierung zu planen und in die Tat umzusetzen.

Eine von dieser Auffassung abweichende Vorstellung vertritt der US-amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi. Auf seinen empirischen Forschungen basiert das Konzept des ,Flow'. Es beschreibt das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit aufgrund innerlich motivierten Verhaltens (Csikszentmihalyi/ Schiefele 1993). Hierbei wird eine Handlung wegen der ihr innewohnenden Reize ausgeführt. Mehrere Bedingungen sind nach Csikszentmihalyi für das ,Flow'-Erleben essenziell: (1) Leistungsfähigkeit des Handelnden und Anforderung einer Tätigkeit müssen einigermaßen im Gleichgewicht sein. (2) Wichtig ist, dass ein möglichst hohes Niveau beider Variablen erreicht wird. (3) Die aktive Person muss ein klares Ziel vor Augen haben. (4) Die Handlung sollte eine eindeutige Struktur aufweisen, und (5) es sollte die Möglichkeit eines Feedbacks bestehen, was die Folgen des Handelns für die Person einschätzbar macht. Diese aufeinander bezogenen Variablen werden auch für den Kunstunterricht als grundsätzlich erstrebenswert angesehen (Otto 1997, S. 7ff.).

Kreativität findet ferner in einem kulturellen Kontext statt. Die Ergebnisse kreativen Handelns müssen wahrgenommen, kritisiert und umgesetzt werden und sind somit eher ein gruppendynamisches als ein an einer Einzelperson orientiertes Phänomen. Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt innerhalb des offenen Forschungsfokus' bilden deshalb verschiedene kreativitätsfördernde und -hemmende Bedingungen.

 

Erhebung und Aufbereitung von Forschungsmaterial: teilnehmende Beobachtung und Experteninterview

Die teilnehmende Beobachtung als eine zentrale Methode der qualitativen Forschung lässt Beobachtende an den sozialen Interaktionen im zu untersuchenden Feld partizipieren. Hiermit lässt sich die Innenperspektive der Alltagssituationen erschließen (Mayring 3 1996, S. 62). Diese Nähe korrespondiert allerdings zugleich mit einer persönlichen Betroffenheit, die im Rahmen der Interpretation zu reflektieren ist. Die teilnehmende Beobachtung ist eine Feldstrategie, die Dokumentenanalyse, Interviews mit anderen Beteiligten und InformantInnen, direkte Teilnahme und Beobachtung sowie Introspektion kombiniert (Flick 1995, S. 157; Legewie 2 1995, S. 189). Die oben umrissenen Beobachtungsdimensionen für Merkmale kreativer Prozesse und ‚Flow' sollten in einem Beobachtungsleitfaden noch weiter differenziert werden. Bei einer teilnehmenden Beobachtung sind in aller Regel handschriftliche so genannte Feldnotizen anzufertigen, die kurz nach der Beobachtung in Ruhe in einem Protokoll auszuformulieren sind (vgl. Peez 2000, S. 192ff.).

Die teilnehmende Beobachtung kann durch weitere Erhebungsmethoden gestützt werden. Zur Kreativitätsförderung werden neben den teilnehmenden Beobachtungen auch Leitfadeninterviews mit den betroffenen Lehrenden, so genannte "Experteninterviews" (Meuser/ Nagel 1997), geführt. Vorgesehen ist dies zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Projekts. Hier sind die Lehrerinnen und Lehrer als Expertinnen und Experten für die kreativitätsfördernden Aspekte ihres Kunstunterrichts anzusehen. Sie konzipieren die Unterrichtseinheiten und fachdidaktischen Implikationen, sie initiieren Veränderungen und erleben die Reaktionen auf diese Veränderungen innerhalb der Schülerinnen- und Schülergruppen über längere Zeiträume hinweg. Im Gespräch ist konkret zu klären, was wann und warum geplant und ausgeführt wurde und welche Wirkungen dies jeweils zeigte (Flick 1995, S. 94ff; Meuser/ Nagel 1997, S. 481).

 

Auswertung zu Merkmalen kreativer Prozesse

Die Auswertung der Protokolle teilnehmender Beobachtung und der Transkripte der Experteninterviews wird anhand der dargestellten Merkmale so erfolgen, dass jeweils für ein Merkmal typisch erscheinende Stellen aus den Protokollen und Transkripten zueinander in Beziehung gesetzt werden (Bortz/ Döring 2 1995, S. 305f.). Entscheidend ist hier die Qualität der entwickelten Kategorien und die "Kreativität des Forschers" (Flick 1991, S. 165). "Qualität meint dabei, inwieweit sie (die Kategorien; d. Verf.) einerseits den Daten gerecht werden und sie in ihrem Wesen abbilden und andererseits 'neue' Zusammenhänge darin freilegen." (Flick 1991, S. 165) In die Auswertung können im Feld aufgenommene Fotos ergänzend einbezogen werden, und zwar zu den Kategorien und Themen, für die sie relevant sind (Peez 2000, S. 173ff.). Insbesondere über den Funktionskontext der Expertinnen und Experten und ihrer Aussagen (Meuser/ Nagel 1997, S. 488) können Wissensbestände im Sinne von Erfahrungsregeln, Handlungsweisen, Insider-Erfahrungen und impliziten Regeln herausgearbeitet werden, die den Handelnden in dieser Deutlichkeit womöglich vorher nicht bewusst waren.

 

Zur Darstellung der Forschungsergebnisse

Eines der bisher ungelösten Probleme qualitativer Forschung ist die Darstellung von Ergebnissen und der Prozesse, die zu ihnen geführt haben (Flick u. a. 1991, S. 169). Ergebnisse qualitativer Forschung lassen sich häufig nicht ähnlich prägnant darstellen, wie dies in der quantitativen Empirie möglich ist. Je kürzer, grober und vereinfachender die zusammenfassende Darstellung ist, desto stärker wird die Komplexität der Ergebnisse vernachlässigt. Wir verwenden zwei Strategien, um dieser Herausforderung zu begegnen: die Fallanalyse und die selektive Plausibilisierung (Flick u. a. 1991, S. 169).

Bei der Fallanalyse wird jeweils ein Fall und das hierzu erhobene Material singulär behandelt und interpretiert. Im Mittelpunkt steht die Rekonstruktion des Falles selbst; der Fall soll als Fall verstanden werden und die Interpretation bezieht sich darauf. Erst in einem zweiten Schritt geht es um Verallgemeinerungen aus verschiedenen Fallinterpretationen oder um einen Vergleich. Bei der Einzelfallrekonstruktion sollte es auch zur Darstellung von vermeintlich nicht ganz so allgemein-typischen Aspekten kommen (vgl. Kade/Seitter 1996, S. 35).

Bei der so genannten selektiven Plausibilisierung wird für die Publikation der Forschungsergebnisse das Typische herausgearbeitet, interpretiert und dargestellt. Typisch sind z. B. bestimmte immer wiederkehrende Verhaltensweisen oder Regeln, die das soziale Handeln bestimmen. Als typisch können aber auch handlungsprägende Strukturen gelten, etwa die Anordnung der Schultische innerhalb eines Unterrichtsraums. Das übliche Verfahren für diese Form der Ergebnisdarstellung ist das Zitieren prägnanter Abschnitte aus dem Forschungsmaterial und die darauf bezogene Deutung. Problematisch ist, wenn nicht geklärt wird, wie mit Textstellen und Abschnitten innerhalb des Interpretationsprozesses umgegangen wird, die von einer herausgearbeiteten Typik abweichen. Diesem Problem kann mit der Fallspezifik begegnet werden, aber auch damit, dass explizit Stellen interpretiert werden, die zunächst der Typik widersprechen oder zu widersprechen scheinen, sich aber im Sinne der Komplexität bei näherer Betrachtung oft als anschlussfähig erweisen.

Wenn möglichst viele, teils auch umfangreichere Zitate und authentische Formulierungen aus dem Forschungsmaterial in den Text der Ergebnisdarstellung einfließen, können Rezipientinnen und Rezipienten die Deutungen anhand der originalen Zitate nachvollziehen, ohne auf das Forschungsmaterial direkt zugreifen zu müssen. Gleichwohl kann das originale Forschungsmaterial auf Nachfrage (http://www.muse-forschung.de) und vorbehaltlich der Zustimmung der betroffenen Lehrenden für Interessierte in vollem Umfang zur Verfügung gestellt werden. Diese Maßnahme dient der Transparenz der vorgelegten Untersuchung insgesamt. Ihre Nachvollziehbarkeit ist so weitestgehend gewährleistet. Selbstverständlich wurde das Textmaterial nach den Regeln der empirischen Sozialforschung anonymisiert bzw. maskiert (DGfE 1997).

 

Kurzer Ausblick

Mit der hier vorgestellten Forschungskonzeption wird innerhalb der Kunstpädagogik Neuland betreten. Deshalb kann für die Untersuchung nur auf wenige vereinzelt veröffentlichte methodische und methodologische Erfahrungen zurückgegriffen werden. Wir versuchen, durch die evaluative wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts MUSE COMPUTER nicht nur Pionierarbeit für zukünftigen Kunstunterricht in der Schule zu leisten, sondern auch für eine stärkere empirische Ausrichtung und Konturierung der Kunstpädagogik als Wissenschaft.

Hinsichtlich der Evaluations- und Wirkungsforschung muss auf die methodische Herausforderung qualitativer Forschung in der Erziehungswissenschaft und ihren Teilbereichen hingewiesen werden. Aus guten Gründen, die das Autorinnen- und Autorenteam Drinck/Ehrenspeck/Hackenberg/Hedenigg und Lenzen in Bezug auf konstruktivistische und systemtheoretische Theorieelemente des Medienphilosophen S. J. Schmidt darlegten (Drinck u. a. 2001), ist die Rezeption von "Wirklichkeit", zu der auch Unterrichtssituationen gehören, "als eine Kommunikatbildung und Kommunikation von Kommunikaten in einer Verstehenssituation" (Drinck u. a. 2001, S. 9) zu definieren. Deshalb ist der Frage nachzugehen, wie "diese Kommunikate (...) beobachtbar gemacht werden können" (Drinck u. a. 2001, S. 10; vgl. Peez 2000, S. 40ff.), zumal die Konstruktion von Kommunikaten als ein interner Bewusstseinsvorgang anzusehen ist. Die evaluativ-kritische Betrachtung des tatsächlichen Untersuchungsverlaufs wird also auch Aufschluss darüber geben, ob die gewählten Methoden den wissenschaftstheoretischen Anforderungen gegenwärtiger qualitativer Empirie genügen.

 

Literatur

Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. Opladen (Leske + Budrich) 3 1999

Bortz, Jürgen/ Döring, Nicola: Forschungsmethoden und Evaluation. Berlin (Springer) 2 1995

Csikszentmihalyi, Mihaly/ Schiefele, Ulrich: Die Qualität des Erlebens und der Prozeß des Lernens. In: Zeitschrift für Pädagogik, 39. Jg. 1993, Nr. 2, S. 207-221

DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft): Standards erziehungswissenschaftlicher Forschung. In: Friebertshäuser, Barbara/ Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/München (Juventa) 1997, S. 857-863

Drinck, Barbara/ Ehrenspeck, Yvonne/ Hackenberg, Achim/ Hedenigg, Silvia und Lenzen, Dieter: Von der Medienwirkungsbehauptung zur erziehungswissenschaftlichen Medienrezeptionsforschung. Ein Vorschlag zur Analyse von Filmrezeption. In: Medienpädagogik. www.medienpaed.com/01-1/drinck1.pdf

Flick, Uwe: Stationen des qualitativen Forschungsprozesses. In: Flick, Uwe/ Kardorff, Ernst von/ Keupp, Heiner/ Rosenstiel, Lutz von/ Wolff, Stephan (Hg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendung. München (Psychologie Verlags Union) 1991, S. 148-176

Flick, Uwe: Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften. Reinbek (Rowohlt) 1995

Girtler, Roland: Methoden der qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit. Wien/ Köln 2 1988

Kade, Jochen/ Seitter, Wolfgang: Lebenslanges Lernen. Mögliche Bildungswelten. Erwachsenenbildung, Biographie und Alltag. Opladen (Leske+Budrich) 1996

Legewie, Heiner: Feldforschung und teilnehmende Beobachtung. In: Flick, Uwe u. a. (Hg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. München (Psychologie Verlags Union) 2 1995, S. 189-203

Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. Band 1. Methodologie. München/ Weinheim (Psychologie Verlags Union) 1988

Meuser, Michael/ Nagel, Ulrike: Das ExpertInneninterview - Wissenssoziologische Voraussetzungen und methodische Durchführung. In: Friebertshäuser, Barbara/ Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/ München (Juventa) 1997, S. 481-491

Otto, Gunter: Der kreative Blick auf Kreativität. In: Kunst+Unterricht, Heft 211, 1997, S. 7-9

Pazzini, Karl-Josef: Kulturelle Bildung im Medienzeitalter. Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 77 (abrufbar unter http://www.kubim.de/down/heft77.pdf ). Bonn (BMBW) 1999

Peez, Georg: Qualitative empirische Forschung in der Kunstpädagogik. Methodologische Analysen und praxisbezogene Konzepte zu Fallstudien über ästhetische Prozesse, biografische Aspekte und soziale Interaktion in unterschiedlichen Bereichen der Kunstpädagogik, Hannover (BDK-Verlag) 2000

Preiser, Siegfried: Kreativitätsforschung. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2 1986

Seitz, Rudolf: Phantasie und Kreativität. Ein Spiel-, Nachdenk- und Anregungsbuch. München (Don Bosco) 1998

Wesseler, Matthias: Evaluation und Evaluationsforschung. In: Tippelt, Rudolf (Hg.): Handbuch Erwachsenenbildung/ Weiterbildung. Opladen (Leske+Budrich) 1994, S. 671-686

Zülch, Martin (Hg.): Die Welt der Bilder - ein konstitutiver Teil der Allgemeinbildung. Hannover (BDK-Verlag) 2001

 

Anmerkung

Interessierte können sich über den Forschungsplan sowie über das bereits erhobene Forschungsmaterial und die Analysen auf der Website zur Begleitforschung informieren: http://www.muse-forschung.de

Laufzeit: 2000-2003

Michael Schacht & Georg Peez, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Institut für Kunstpädagogik, Postfach 11 19 32, 60054 Frankfurt a. M.


Bibliografische Angaben zu diesem Text:

Michael Schacht / Peez, Georg: Empirische Forschung. Zur Nutzung des Computers im Kunstunterricht. In: BDK-Mitteilungen (Bund Deutscher Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher), Heft 2, 2002


Michael Schacht & Georg Peez (http://www.muse-forschung.de) Zuletzt geändert am 16.02.2006