Der Verlust
von elementaren ästhetischen Grunderfahrungen kennzeichnet die
Diskussionen zum Einsatz des Computers im Kunstunterricht. Dies führt
dazu, dass die "Doppelstrategie" (Freiberg 1998 u. 1999),
im Kunstunterricht diese materialbezogenen Grunderfahrungen in kompensatorischer
Absicht zu ermöglichen, aber auch mit den digitalen Medien zu arbeiten,
weitgehend auf Zustimmung stößt. Nicht zuletzt wegen der
geringen Stundenzahl für 'Kunst' im Fächerkanon der Schule,
liegt der Gedanke nahe, beide Aspekte miteinander zu verbinden (Schierenbeck
1998 u. 1999; Pazzini 1999, S. 21ff.). Während 'Multimedia' für
den Digitalbereich steht, hebt 'Werkstatt' den Bezug zu handwerklichem,
materialbezogenem Arbeiten hervor. Ohne dass umfassend auf die unterschiedlichen
Facetten des kunstpädagogischen Werkstatt-Verständnisses eingegangen
werden kann (vgl. Kirchner/ Peez 2001), soll hier 'Werkstatt' zunächst
ganz pragmatisch im räumlichen Sinne verstanden werden, worauf
sich didaktische Überlegungen zur "Multimedia-Werkstatt"
anschließen.
Für
das "Prinzip Werkstatt" bedeutet dies häufig, "entweder
die Schule zur Werkstatt umzubauen oder regelmäßig Werkstätten
außerhalb der Schule aufzusuchen" (Kahrmann 1992, S. 15;
auch Selle 1991, S. 20). Der Praxis- und Tätigkeitsbezug im Gegensatz
zu kognitivem Lernen ist das, was für 'Werkstatt' charakteristisch
ist. Zur Frage steht heute nur, welcher Werkzeuge man sich in dieser
Praxis bedienen soll und kann, ob 'realer' oder auch 'virtueller'. Geht
man davon aus, dass mit beiden 'Werkzeugarten' bildnerisch gestaltet
wird, und setzt man weiterhin voraus, dass mit der Hand- wie auch mit
der Computerarbeit ästhetische Erfahrungen gemacht werden können,
so lässt sich der Computer zweifellos neben dem Spachtel, dem Hobel
oder der Materialkiste mit Lederresten in einer Werkstatt platzieren.
Abgesehen davon findet sich heute wohl in fast jeder zeitgemäßen
professionellen Werkstatt ein Computer.
Aus Sicht
der Kunstpädagogik ist ein adäquater Raum zu schaffen, in
dem die digitalen Medien und ihre Rolle, die sie in fast allen visuell
wahrnehmbaren und bildnerisch gestaltbaren Lebensbereichen spielen,
in Bezug auf Kunstunterricht zumindest vorläufig positioniert werden
können. Wie ein solcher Raum ganz praktisch aussehen kann, wird
zurzeit in dem Modellversuch "Multisensueller Kunstunterricht unter
Einbeziehung der Computertechnologie" im Rahmen des Bund-Länderprogrammes
"Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" (http://www.kubim.de)
an mehreren Schulen in Südhessen in den Klassen 6 bis 13 erkundet
(http://www.muse-computer.de).
Hier wird etwa das Setting eines 'kunstpraktischen Werkraums im digitalen
Zeitalter' erprobt, in dem Computerarbeitsplätzen in der Raummitte
Arbeitsplätze für materialbezogenes bildnerisches Arbeiten
rundherum zugeordnet sind (http://www.muse-forschung.de).
Eine Vielfalt bildnerischer Zugangsweisen bleibt nicht nur gewahrt,
sondern wird erweitert. Aufgabe der Kunstpädagogik ist es gerade
auch durch die räumliche Nähe beider Arbeitsbereiche, produktive
Perspektiv- und Materialwechsel anzuregen und didaktisch zu unterstützen.
Die Einrichtung einer solchen Werkstatt ist durchaus im Dialog mit interessierten
und versierten Schülerinnen und Schülern zu planen. Zudem
ist es nicht sinnvoll, die Heranwachsenden zu Beginn des Unterrichts
an komplett ausgestattete Arbeitsplätze zu setzen, sondern sie
sollten sich ihre Lernumgebung selbst arrangieren und zusammenstellen.
Wünschenswerte
Mindestvoraussetzungen
preisgünstige Rechner der letzten Generation mit
-
17-Zoll-Bildschirmen,
- Keyboard und Maus sowie
- ausreichend Speicherplatz (Festplattenspeicher und Arbeitsspeicher)
für bild-, video- und grafikorientiertes Arbeiten.
Weitere
Hardware:
Grafikkarte für Videoschnitt und für 3D-Anwendungen
Soundkarte, dem Zweck angemessen
Netzwerkkarten
Eingabegeräte:
Grafiktablett,
Flachbettscanner mit großer Bildtiefe in der Aufnahme,
Digitalvideokamera,
Digitalfotoapparate,
CD-ROM- und DVD-Laufwerke.
Ausgabegeräte:
ein transportabler Beamer (alternativ: LCD-Display mit
lichtstarkem Tageslichtprojektor),
CD-Brenner,
Tintenstrahl-Farbdrucker A4 (A3 wäre wünschenswert).
Notwendige
Software gibt es entweder mit den Geräten oder als Freeware
und Shareware oder in günstigen Schullizenzen (z. B.
bei http://www.basis1.de,
http://www.logibyte.de
oder http://www.steckenborn.de)
(s. auch K+U 257/2001"Multimediale Präsentationen").
Wichtig ist ferner die Vernetzung der digitalen Arbeitsplätze
und Peripheriegeräte untereinander und selbstverständlich
der Internet-Anschluss für alle Computer.
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Die beiden bekanntesten Autorenprogramme zum Erstellen multimedialer
Präsentationen organisieren und verbildlichen den Gestaltungsprozess
mit Hilfe von Metaphern, die eine Nähe zur Werkstatt aufweisen.
Das Programm "Director" von Macromedia lässt Nutzende
zu Regisseuren werden, wie der englische Name bereits sagt. Es wird
ein Drehbuch erstellt, das nach einer Zeitachse organisiert ist und
das bestimmt, wann welche 'Darsteller' (Grafiken, Texte, Videos, Animationen,
Sound) die 'Bühne' 'betreten'. Werkstattcharakter hat diese Bühne
insofern als sehr viel experimentiert werden kann. Legt der "Director"
von Macromedia Assoziationen zu einer 'Werkstatt-Bühne' nahe, so
wartet das Autorenprogramm "ToolBook II" vom Hersteller "click2learn.com"
mit der Buchmetapher auf. Hier wird ein virtuelles Buch konzipiert und
'gesetzt', das aus 'Seiten' besteht, auf denen Medienelemente und Textkästen
angeordnet sind. Bücher werden traditionell in einer Druck-Werkstatt
erstellt.
Ausschlaggebend für produktive Wechselwirkungen zwischen Analogem
und Digitalem unter dem Dach der Multimedia-Werkstatt sind jedoch die
vielfältigen Optionen, weitgehend im Kunstunterricht "traditionell"
bildnerisch analog Gestaltetes in die digitale multimedale Präsentation
zu integrieren (Abb. 1
und 2). An der
Erstellung beteiligte Schülerinnen und Schüler können
beispielsweise Malereien, Zeichnungen und plastische Objekte anfertigen,
erzählende oder analysierende Texte verfassen, Kompositionsskizzen
zeichnen, Recherchen zu Künstlerinnen, Künstlern und Kunstepochen
dokumentieren und Fotos oder Videos aufnehmen. Weite Strecken des Kunstunterrichts
ließen sich auf diese Weise durchführen, freilich unter der
Prämisse, sich zuvor über die Ziele, den Ablauf und die hypermedialen
Strukturen der geplanten Präsentation Gedanken gemacht zu haben.
Sowohl individuelles Arbeiten, das Arbeiten in Kleingruppen also auch
die Konzeptionierung innerhalb einer ganzen Klasse oder einer Arbeitsgruppe
sind in der Multimedia-Werkstatt möglich bzw. nötig. Jede
Art von Werkstatt ist grundsätzlich auf die Kooperation von mehreren
Personen angelegt. Soziale Lernbezüge werden gefördert, denn
Absprachen und Aushandeln von gestalterischen Lösungen werden verbalisiert.
Barbara Wichelhaus unterscheidet zwischen arbeitsteiligen und arbeitsgleichen
Verfahren. Bei arbeitsteiligen Verfahren übernehmen einzelnen Personen
Teilaspekte einer Gesamtaufgabe, die sie individuell bearbeiten. Die
entstandenen Ergebnisse werden im folgenden Schritt zur Gemeinschaftsarbeit
zusammengefügt. Bei arbeitsgleichen Verfahren entwickeln die Beteiligten
im Prozess ein Werk gemeinsam und meist in ständigem Austausch
(Wichelhaus 1998, S. 5f.). Mischformen dieser idealtypischen Trennung
sind in der Praxis zwar die Regel, aber für die Arbeit an multimedalen
Präsentationen hat sich das arbeitsteilige Verfahren als sinnvoll
erwiesen.
Literatur
Freiberg, Henning: Thesen zur Bilderziehung im Fach Kunst. In: Kirschenmann,
Johannes/ Peez, Georg (Hg.): Chancen und Grenzen der Neuen Medien im
Kunstunterricht. Hannover 1998, S. 12-17.
Freiberg, Henning: Medien-Kunst-Pädagogik. Anstöße zum
Umgang mit Neuen Medien im Fach Kunst. In: Kunst+Unterricht 230/231
/ 1999, S. 23-28.
Fritzsche, Marc: Ein Medium drängt sich nach vorn. Computer in
der Kunst-Werkstatt oder Kunst in der Computer-Werkstatt? In: Kirchner,
Constanze/ Peez, Georg (Hg.): Werkstatt: Kunst. Hannover 2001, S. 144-159.
Kahrmann, Karl-Ove: Das Prinzip Werkstatt. Eine Alternative zur alltäglichen
kunstpädagogischen Praxis. In: Kunst+Unterricht, 161/1992, S. 14-19.
Kirchner, Constanze/ Peez, Georg: Kunstunterricht als Werkstatt. In:
Kirchner, Constanze/ Peez, Georg (Hg.): Werkstatt: Kunst. Hannover 2001,
S. 8-21.
Pazzini, Karl-Josef: Kulturelle Bildung im Medienzeitalter. Bundländer-Kommission
für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Heft 77 (abrufbar
unter http://www.kubim.de/down/heft77.pdf).
Bonn 1999.
Schierenbeck, Fred: Zwischen Wasser und Feuer. Computer im Kunstunterricht.
In: Kirschenmann, Johannes/Peez, Georg (Hg.): Chancen und Grenzen der
Neuen Medien im Kunstunterricht. Hannover 1998, S. 42-51.
Schierenbeck, Fred: Annäherung an ein Kunstwerk. Zur Funktion digitaler
Bildmedien im Kunstunterricht. In: Kunst+Unterricht, 223/224 / 1999,
S. 40-43.
Wichelhaus, Barbara: Gemeinsam Bilder herstellen. In: Kunst+Unterricht,
226/1998, S. 4-12.
Bibliografische Angaben zu diesem Text:
Peez, Georg & Schacht, Michael:
Multimediale Werkstatt. In: Kunst + Unterricht, Heft 260, 2002, S. 17-18
Michael Schacht &
Georg Peez (http://www.muse-forschung.de)
Zuletzt geändert am
08.03.2002